Reisearten des spirituellen Tourismus

Pilgerreisen
Pilgerreisen prägen seit über 2000 Jahren das Reiseverhalten der Menschen und sind somit die traditionellste Form des spirituellen Tourismus. Wenn auch heutzutage nicht mehr alle Gründe frühchristlicher Pilgerfahrten Bestand haben (z. B. Bußgänge), sind im Kern dennoch viele Motivationen identisch geblieben.
Im Grunde genommen können Pilgerreisen auch als ausgedehnte Wanderungen bezeichnet werden. Was sie dennoch von den üblichen Wanderreisen (Kombination von Natur und Kultur) unterscheidet, soll nachstehend charakterisiert werden.
Auf Pilgerreisen werden Strecken von mehreren Hundert Kilometern auf ausgewiesenen Pilgerwegen zurückgelegt. Je nach physischer Belastbarkeit der Pilger wird die Gesamtstrecke dabei in einzelne Etappen aufgeteilt. Pilgerreisen werden wegen ihres Anspruchs an die Ursprünglichkeit meist zu Fuß absolviert. Die Kombination aus Umfang und Art der zurückgelegten Strecke impliziert eine intensive Planung und Vorbereitung der Reise. Dies gilt sowohl bezüglich der Streckenführung an sich, als auch hinsichtlich der potentiellen Übernachtungsmöglichkeiten und kirchlichen Angebote entlang des Weges. Reisezeitpunkt und -raum bestimmt jeder Pilger individuell. Aufgrund der Wetterabhängigkeit dieser Reiseart erfolgen die Reisen jedoch vermehrt in den Sommermonaten. Ob ihrer Individualität reisen Pilger zumeist allein, schließen sich jedoch nicht selten unterwegs auf gemeinsamen Teilstrecken zu kleineren Gruppen zusammen.
Der wohl wichtigste Aspekt der Pilgerreisen ist die Wegorientierung. Es geht nicht primär darum, an einem bestimmten Ort anzukommen, sondern um das „unterwegs sein“ an sich. Das Motto dieser Form des spirituellen Reisens könnte demnach auch lauten: „Der Weg ist das Ziel“.

Wallfahrten
Die Tradition der Wallfahrten geht zurück auf das 16. Jahrhundert, als lange Pilgerreisen infolge von Kriegen und der Reformation erschwert wurden. Wallfahrten sind somit die zweitälteste Form des christlichen spirituellen Reisens.
Im Gegensatz zur wegorientierten Pilgerreise ist eine Wallfahrt stets zielorientiert. Ferner lassen sich Wallfahrten dem kollektiven Reisen zuordnen, da sie von größeren Gruppen - in so genannten Prozessionen - absolviert werden. Die Entfernungen, die die Gruppen dabei zurücklegen, sind deutlich geringer als bei Pilgerfahrten. Oft sind es Reisen zu Wallfahrtsorten in der näheren Umgebung, die zumeist von Kirchengemeinden für ihre Mitglieder organisiert werden.

Klosterreisen
Die ursprüngliche Struktur der Klöster war vergleichbar mit der einer Stadt. Es gab alle notwendigen Einrichtungen, um die Selbstversorgung der Bewohner sicherzustellen (z. B. Klostergarten, Backstube, Brauerei). „Der gesellschaftlichen und politischen Aufgabe gemäß verfügte jedes Kloster über ein Gästehaus, welches häufig von Dauergästen bewohnt wurde.
Die Motive für eine „Auszeit“ im Kloster sind vielfältig. Als Hauptmotiv kann dennoch die Suche nach Ruhe und Geborgenheit in der klösterlichen Gemeinschaft genannt werden.

Weitere Motive sind beispielsweise auch das Interesse an Architektur, Kunst-oder Kulturgeschichte. Die religiöse Motivation spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle. Im Kloster sind alle willkommen, gleich welcher Konfession sie angehören.

Christliche Studienreisen
Die Motive für die Teilnahme an einer christlichen Studienreise sind, wie bei fast allen Formen des spirituellen Tourismus, nicht ausschließlich religiöser Natur. Auch Motive wie Kultur und Bildung spielen bei der Entscheidung für die christliche Studienreise eine wesentliche Rolle. Die zugrunde liegenden Daten entstammen einer Umfrage aus dem Jahr 2004, bei der die Teilnehmer von christlichen Studienreisen (Individualbucher), veranstaltet vom Bayerischen Pilgerbüro, nach dem hauptsächlichen Grund für ihre Teilnahme befragt wurden. Religiöse Gründe waren nur bei 42 % der Reisenden ausschlaggebend, bei 34 % lag der Interessenschwerpunkt auf dem kulturellen Aspekt dieser Reiseform. Elemente beider Motive gaben 18 % der Teilnehmer an, und 6 % entschieden sich aus anderen Gründen für diese Reise.
Andere Gründe für die Teilnahme an christlichen Studienreisen könnten in ihrer Eigenschaft als Gruppenreise begründet liegen. Dabei können auch Aspekte wie Geselligkeit, Gemeinschaftserlebnis oder Kennen lernen neuer Menschen mit gleichen Interessen im Vordergrund stehen. Davon zu differenzieren ist allerdings die christliche Studienreise von bereits bestehenden Gruppen, wie Kirchengemeinden oder Vereinen. In diesem Fall kennen sich die Teilnehmer oft schon vor Reiseantritt. Als weiteres Motiv kann dann auch die Stärkung des Zusammengehörigkeitsgefühls gelten.

Kirchen-Tourismus
Egal ob Dorf, Kleinstadt oder Großstadt, Kirchen prägen das Bild eines jeden Ortes in der christlichen Welt. Je nach Größe des Ortes gibt es entweder Kapellen, Gemeindekirchen, Dome oder Kathedralen. Zwar unterscheiden sich diese Sakralbauten vom Aussehen her, je nach Baustil, Epoche, Ausstattung, oder verwendeten Baumaterialien (z. B. Feldsteinkirchen im Fläming, Holzkirchen in Skandinavien), jedoch nicht in ihrer Funktion als Gotteshäuser, mit Räumen der Stille und des Gebets. Des Weiteren verfügen Kirchen oft über umfangreiche Sammlungen an Kunstgegenständen, wie beispielsweise Plastiken, Reliefs, Altäre, Domschätze etc. „Im Besitz der Kirche befinden sich die meisten Kunstschätze in dieser Republik (in Deutschland, d. Verf.). Allein auf dem Gebiet der Kirchenprovinz Sachsen gibt es 2258 Kirchengebäude, von denen der größte Teil historisch und/oder kunsthistorisch wertvoll ist.
Die Gründe, aus denen Kirchen aufgesucht werden, sind recht vielfältig. Neben der religiösen Motivation erfolgen Kirchenbesuche ebenso aus architektonischem, musikalischem, kunst- oder kulturhistorischem Interesse. Darüber hinaus zieht es Menschen auch aus anderen Gründen in Kirchen, wie z. B. aus purer Neugier, zum Ausruhen auf den Kirchenbänken, als kostenfreier Zeitvertreib oder aufgrund witterungsbedingter Verhältnisse (Schutz vor Regen, Schnee etc.). Resultat dieser paradoxen Motivationen ist eine äußerst heterogene Besucherstruktur.

Reisen zu religiös-historischen Stätten
Unter Reisen zu religiös-historischen Stätten versteht man das Aufsuchen von Orten, die im Zusammenhang mit dem Leben und Wirken bedeutender Persönlichkeiten der Kirchengeschichte stehen. Diese Art des spirituellen Reisens lässt sich folglich dem personenbezogenen Thementourismus zuordnen.
Formen der religiösen Feste unterscheiden sich hinsichtlich der Besucherstruktur. Besucher kirchlicher Veranstaltungen sind in der Regel religiös motiviert, wohingegen das Publikum bei kulturellen Events eine Mischung aus kulturell interessierten, religiös motivierten oder einfach nur erlebnisorientierten Gästen darstellt. [1]

QUELLE 2008
  • [1] Cora Prünsten, 13.08.2008, Diplomarbeit HS Harz, Ausgewählte Aspekte des spirituellen Tourismus am Beispiel der Lutherstadt Wittenberg, Reisearten des spirituellen Tourismus S. 14 bis 42